Christoph Nielsen - das Interview

 

Christoph Nielsen ist der überragende deutsche Folkeboot-Segler 2004. Für die Berliner Folkebootflotte führte Rainer Birkenstock das folgende Gespräch, für das wir uns sehr herzlich bedanken.

 

Rainer Birkenstock: Christoph, gib uns doch bitte zum Beginn ein paar Informationen zu Deiner Person.

Christoph Nielsen:

Alter:

Familie:

Größe:

Gewicht:

Wohnort:

Geburtsort:

Segelmitgliedschaft:

Beruf:

 

 

 

Telefon:

e-mail:

Gern

44 Jahre

ledig

192 cm

108 kg

Bleibtreustr. 12a, 10623 Berlin

Eckernförde (auch 1. seglerische Heimat)

SV03 Berlin

Diplom-Betriebswirt,

Geschäftsführer beim Presse-Grossisten Berliner Presse Vertrieb,

einer 100% Tochter von Gruner & Jahr

0173 279 00 30

c.nielsen@bpv-berlin.de

 

Du bist in diesem Jahr bei den Folkebooten deutscher Meister, Zweiter beim Gold-Cup und Erster der deutschen Rangliste geworden? Wie kam es dazu?

 

Wir waren einfach besser, d.h. in der Summe der Platzierungen erfolgreicher.

Aber Spass beiseite. Zum Gewinn einer Deutschen Meisterschaft müssen viele Voraussetzungen erfüllt sein.

 

Eine gute Mannschaft: Diese hatte ich in diesem Fall mit Rolf Lange und Torben Dehn (beide Eckernförde). Mit beiden Seglern verbinden mich schon seit langer Zeit erfolgreiche Regatten und eine freundschaftliche Verbundenheit. Beide sind erfahrene Folkeboot-Segler.

Rolf Lange

Torben Dehn

U.a. habe ich mit beiden an der Antigua-Sailing-Week teilgenommen, wo wir auch viel Spass hatten. Wichtig ist es in meinen Augen, dass sich die jeweiligen Kompetenzen ergänzen und jeder Einzelne seine persönlichen Stärken einbringt.

 

Im Hinblick auf die Deutsche Meisterschaft habe ich besonders vom Teamgeist, von der positiven Einstellung, dem unbedingten Siegeswillen und der nötigen Portion Gelassenheit profitiert. Dies hat mir den Rücken freigehalten für meine wesentlichen Aufgaben.

 

Erfahrung und Fleiß sind wichtige Grundvoraussetzungen: Wie schon erwähnt, sind meine beiden Crew-Mitglieder im Folkeboot aber auch in anderen Bootsklassen sehr erfahren. Das ist gerade in ungewöhnlichen Situationen von hohem Nutzen. Rolf Lange war selbst einmal Eigner und Steuermann eines Folkebootes. Beide Teammitglieder haben u.a. auch bei Klaus Blenckner wertvolle Erfahrungen mitnehmen können.

 

In diesem Frühjahr haben wir uns akribisch u.a. in Berlin und Eckernförde vorbereitet.

 

Ich selbst bin ja kein eingefleischter Folkebootsegler obwohl mich seit meiner Jugend viel mit dem Folkeboot verbindet. In unserer Jugendabteilung in Eckernförde besaßen wir ein Folkeboot, wo ich nach den ersten Segelanfängen mit dem Opti, danach 470er, Erfahrungen mit dem Folkeboot sammelte. Vorbild war damals wie heute der Seriensieger im Folkeboot Holly Dietrich.

 

Sporadisch nahm ich in den letzten Jahren an verschiedenen Folkebootregatten teil. Gereizt hat es mich immer, die Kieler Woche zu gewinnen. Leider haben mich dänische Segler zweimal jeweils um den Sieg gebracht. Gewinnen konnte ich die Kieler Woche immerhin mit Achim Griese im Drachen.

 

Intensiv habe ich die Jahre während meines Studiums und zwei-drei Jahre danach zum Segeln genutzt. Anschließend nahm ich eine Auszeit vom intensiven Segeln, um mich beruflich weiter zu entwickeln.

 

In diesen Jahren habe ich u.a. auf den Cuppern und div. Tonnerklassen gesegelt. "Diva", "Saudade", "Schini", "Aerosail", "ILC 40" – mit diesen Booten nahm ich u.a. an mehreren Sardinia-Cups, einem Admirals-Cup, zwei Commodores-Cups sowie an diversen Weltmeisterschaften (Mumm 36, 1-Ton, ¾-Ton, 8-er) teil.

 

Darüber hinaus segelte ich eine amerikanische, italienische und schwedische Meisterschaft sowie unzählige Kieler Wochen, Nordsee-Wochen, Flensburger Wochen und was es sonst noch so gibt. Während dieser Zeiten war ich auf diesen Booten vornehmlich Segel-Trimmer, zweiter Steuermann, aber hauptsächlich Taktiker.

 

Und so konnte ich mir von den weltbesten Seglern vieles abgucken. U.a. von den deutschen Segelgrößen Berend Beilken, Uwe Mares, Achim Griese und Jochen Schümann. Auf internationaler Ebene war es mir vergönnt mit Paul Cayard, Harold Cutmore, Rodney Petterson und der ganzen Segel-Elite aus Dänemark (ehemals Diamond, jetzt North, vor allem Ip Using Andersen) eine wertvolle Zeit zu verbringen.

 

Während dieser Zeit erlangte ich  Kenntnisse über Bootsbau, neue Technologien, Segeltechnik, Crew-Organisation, die gesamte Logistik, Finanzierung, Sponsoring - und Hafennutten. Ebenso hat mir mein "Ausflug" in die Surferwelt und eine Atlantiküberquerung Erfahrungen verschafft, die ich nicht missen möchte.

 

Das ist ja ein beeindruckendes Erfahrungspotential, auf das Du zurückgreifen kannst. Wie steht´s denn mit Deinem Talent?

 

Ein wenig Talent gehört schon dazu. Ich bin mir aber sicher, dass in der Summe der Eigenschaften das Erfolgsrezept liegt. Als ein wichtiges Kriterium schätze ich die mentale Stärke der gesamten Mannschaft ein. Auch der Spass-Faktor muss gegeben sein.

 

Wie habt Ihr Euch speziell auf die Deutsche Meisterschaft bzw. auf den Gold-Cup vorbereitet?

 

Zunächst haben wir gemeinsam klare Ziele definiert: Bei der Deutschen Meisterschaft wollten wir auf´s "Treppchen" kommen.

 

Beim Gold-Cup war die Zieldefinition schon schwieriger, da wir die Stärke der Dänen nicht eindeutig einschätzen konnten. Aber aus diesem Grunde segelten wir u.a. eine Vorbereitungsregatta in Dänemark, wo wir gleich am ersten Tag bei der ersten Wettfahrt Letzter wurden. Trotzdem setzten wir nach eingehender kritischer Beurteilung dieser Wettfahrt uns das Ziel, beim Gold-Cup unter die ersten 10 bzw. unter die ersten drei Deutschen zu kommen.

 

Abgeleitet von diesen ambitionierten Zielen haben wir die Saison 2004 geplant: Wo gesegelt wird, wie häufig, weitere gezielte Trainingseinheiten?, welche Segel getestet werden sollen, welche Schiffe genutzt werden, mit welchem Anspruch die jeweilige Regatta im Vorwege zu bewerten ist, usw..

 

Du sprichst verschiedene Schiffe an?

 

Abgesehen von meinem Opti war noch nie ein Schiff mein Eigen. Umso mehr freut es mich, mit dem SV03 in Berlin einen Verein gefunden zu haben, der eine sehr aktive Folkeboot-Truppe beheimatet.

 

Insbesondere den zwei Eignern spreche ich an dieser Stelle nochmals meinen großen Dank aus. Zum einen dem Eigner Heinz Wohlrab, FG-721 ein Holly-Dietrich-Kunststoff-Bau mit Teakdeck, sowie Gunter May, FG -618 ein Kerteminde-Boot.

 

Während wir mit dem Holly-Dietrich-Boot die Eck-Days gewinnen konnten, waren wir sogar beim Hoffmann- und Dr. Spar-Preis mit allen möglichen Tagessiegen erfolgreich.

 

Die Deutsche Meisterschaft und auch den Gold-Cup segelten wir mit dem Boot von Gunter May. Dabei benutzten wir die jeweiligen Masten und wechselten nur die Segel. Dieses bestätigt auch meine These, dass die Kunststoff-Rümpfe der Folkeboote absolut vergleichbar sind.

 

Du sprachst die Segel an?

 

Schon sehr frühzeitig Ende 2003 trafen wir die Entscheidung für Raudaschl und Walter Muhs. Wir vertrauten hier auf die langjährige Erfahrung von Walter und wollten nicht zwischen den Segelmachern hin und her springen, damit nicht zuviel Zeit in der Zusammenarbeit mit verschiedenen Segelmachern verloren geht.

 

Intensiv testeten wir die unterschiedlichen Focks von Walter sowie zwei verschiedene Großsegel. Diese Tests nahmen wir auch während der Regatten vor und zwar nicht mit dem Ziel, gewinnen zu wollen, sondern den Sieg beim Gold-Cup und bei der DM vor Augen zu haben.

 

In Walter fanden wir jederzeit einen kooperationsbereiten und verlässlichen Gesprächspartner. Im nachhinein war diese Entscheidung richtig und auch für die mentale Stärke richtungsweisend.

 

Wir hatten mit den Segeln ein sehr gutes Gefühl nachdem wir sie ausgiebig testeten und konnten uns so auf den Boots-Speed verlassen und infolgedessen uns um so intensiver der Taktik zuwenden.

 

Das hört sich ja alles sehr interessant an. Aber ist es für Dich überhaupt erstrebenswert, aufgrund Deiner vielfältigen, auch internationalen Erfahrungen, dauerhaft im Folkeboot zu segeln (kein Hightech, kein Spinnaker, etc.)?

 

Es freut mich immer wieder, Folkeboot zu segeln. Es ist sehr anspruchsvoll. Die Rümpfe – ob alter oder neu – sind identisch. Es findet keine Materialschlacht statt und die Kosten sind überschaubar. Auch ohne Wintertraining auf Mallorca (wie in anderen Bootsklassen heutzutage üblich) kann man in der vorderen Hälfte mitsegeln. Es geht wenig kaputt.

 

Das Boot ist aufgrund seiner Konstruktion schwierig zu segeln. Dabei ist es noch schwieriger, schneller als die Konkurrenten zu segeln. Taktisch ist das Boot äußerst anspruchsvoll. Die Konkurrenz ist gut. Was auch immer wieder Spass macht, sind die hohen Meldezahlen beim Folkeboot.

 

Anderseits stimme ich Dir zu: Es reizt mich immer wieder, neue Reviere, neue Bootsklassen und neue Wettbewerber kennenzulernen.

 

So habe ich dieses Jahr erstmalig als Steuermann auf einer Melges 24 gesessen, wo wir auf Anhieb mit ehemaligen Saudade-Crew-Mitgliedern German-Open-Sieger wurden.

 

Bei der WM in Schweden mit 88 Teilnehmern aus 15 Nationen konnten wir uns neben einer blutigen Nase auch zwei Achtungserfolge einfahren. Zweimal TOP 10. Letztenendes wurden wir 43.

 

Gab es in der Vorbereitungszeit bzw. bei den Regatten Bruch oder ist immer alles glattgegangen?

 

Glücklicherweise hatten wir keinen nennenswerten Schaden bzw. konnten wir während des Segelns Schäden noch beheben, so dass wir in der Wertung nicht spürbar zurückgeworfen wurden.

 

U.a. brach uns während der Deutschen Meisterschaft der Großbaum zwischen Lümmelbeschlag und Ansatz Niederholer. Dieses konnten wir behelfsmäßig bis zum Ende der Wettfahrt mit einer Schiene tapen.

 

Während des Gold-Cups brach uns vor dem Start das Achterstag bei 6-7 Windstärken. In beiden Fällen haben sich die Erfahrungen aus anderen Bootsklassen bewährt, um Folgeschäden zu vermeiden.

 

Problematischer war da schon ein Schaden, wo wir unverschuldet am vorletzten Tag beim Gold-Cup aus der Hafeneinfahrt rauskreuzen wollten. Hier hätte uns ein Teilnehmer beinahe das Ruderblatt abgefahren. So ist er uns"nur" in die Seite gefahren. Wir prozessieren aber immer noch mit seiner uneinsichtigen Versicherung (AXA).

 

Was machst Du im Winter und wie sehen Deine Planungen für das kommende Jahr aus?

 

Wann immer es mir möglich ist, lese ich das Buch von Dennis Conner. Das kann man nicht oft genug machen.

 

Für 2005 haben wir uns für die Antigua-Race-Week eine Dufour 50 gechartert. Ich freue mich, mit Torben Dehn, Klaus Reichenberger (SCE), Wolfgang Klemm (SV03), Ralf Tornow (SV03) sowie Henning Ecker, dem langjährigen schwedischen Abo-Sieger die Stirn zu bieten.

 

Darüber hinaus plane ich für Dezember 2005 an der WM der Melges 24 in Key West, Florida, teilzunehmen. Wichtig wird es natürlich sein, ob mein lädiertes Knie das sportliche Segeln auf der Melges 24 zuläßt.

 

Natürlich werde ich das Geschehen in der Folkebootklasse passiv aber auch aktiv begleiten. Eine Herausforderung könnte die Kieler Woche sein. Ob die DM der Folkeboote bestritten werden kann, hängt von mehreren Faktoren ab (u.a. berufliche Inanspruchnahme, Schiff, Crew). Reizen würde es mich auf jeden Fall erneut in 2006 die DM in Warnemünde zu segeln.

 

Konnte Dein Erfolg sich auch auf die Segler in Deinem Club übertragen?

 

Nach einigen Theorie-Abenden im vergangenen Winter und Praxis-Trainings im Frühjahr zeigte sich schnell eine Leistungssteigerung bei diversen Club-Mitgliedern.

 

Darüber hinaus bin ich immer gerne bereit, mein Wissen und meine Erfahrungen jederzeit weiterzugeben. Ohne starke Trainingspartner gibt es keine Leistungssteigerung.

 

Zum Abschluss möchte ich die Gelegenheit nicht versäumen noch einmal meinen Herzlichen Dank auszusprechen:

  • Der Crew samt Partnern, die uns jederzeit unterstützt haben.

  • Den Eignern, Heinz Wohlrab u. Gunter May

  • Dem SV03  Berlin

  • Rainer Birkenstock sowie Rolf Bierhals

  • Der Firma Raudaschl und da besonders natürlich Walter Muhs

  • Und natürlich allen, die an uns geglaubt haben und uns moralich unterstützt haben.

noch einmal zu Deiner ersten Frage - zwei Leitsätze bekannter Sportgrößen prägten meine bisherige Segelkarriere:

„Das große Geheimnis ist es, seine Ziele konsequent zu verfolgen,
 im richtigen Moment das Richtige zu tun und schneller zu sein als die anderen.“

Niki Lauda, 3-facher Formel 1 Weltmeister

 

„Rechnen wir damit, von den anderen abgelehnt zu werden, wenn wir erfolgreich sind. Damit müssen wir leben: Je weiter wir nach oben kommen, desto dünner wird die Luft.
Was aber noch lange kein Grund ist, im Mittelmass zu verharren,
um einer möglichst großen Gruppe anzugehören.“

Ian Tiriac, Tennisprofi-Sportmanager etc

und nicht zu vergessen -

ein wenig Glück gehört natürlich auch immer dazu!

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Folkebootflotte Berlin

Rainer Birkenstock

www.folkeboot-berlin.de

Tel. (030) 8 81 12 67