F GER 617 vor SAN FRANCISCO

 

Diese Reisetätigkeit hatte sich der Segelsatz "Doyle/Raudaschl FG 617" nicht vorstellen können.

 

Zur Kieler Woche, das war noch ok. Dann aber als Haupt-
segel auf 2,50 m Breite gefaltet, mit der Fock zusammen eingerollt zu werden, die gefaltete Stelle des Hauptsegels schön ausgepolstert, das tat schon richtig weh. Schließlich noch in einen Segelsack verschnürt und mit dem Normal-
gepäck zusammen nach San Francisco geflogen zu werden, das war Stress.

Und dann auf unbekanntem Terrain mit viel Strom und heftigem Wind besser zu sein als alle anderen Segelsätze, ging richtig an die Schmerzgrenze.

 

Eingeladen hatte der "San-Francisco-Yacht-Club" von 1869 zu einer international besetzten Folkeboot-Regatta.

 

Als der Segelsatz 617 endlich auf dem Rasen unter dem Flaggenmast ausgepackt werden konnte, atmeten alle auf, denn die Falte war der einzige Makel und zog sich in den folgenden Regatten wieder glatt.

 

Zunächst aber traf sich die Crew von FG 617 nach unterschiedlicher Anreise auf dem internationalen Flughafen von San Francisco (SF). Ein Auto wurde gemietet, das Gepäck einschließlich Segelsatz verladen, und dann ging es los zu unbekanntem Ziel.

 

Der Yachtclub hatte private Quartiere bei Clubmitgliedern organisiert, und so kamen wir zu Gastgebern, die unmittelbar oberhalb des Segelclubs ein wunderschönes Haus besaßen. Als wir die Adresse gefunden hatten, hing am Hauseingang ein Zettel mit etwa folgendem Inhalt:

 

„Willkommen Segler, wir sind zum Essen ausgegangen. Wenn Ihr die Haustür (sie war unverschlossen) öffnet, trefft ihr unseren Hund Kaciy, zwei Katzen und eventuell unsere Tochter. Eure Schlafzimmer sind im ersten Untergeschoß ebenso wie das Bad. Wenn ihr angekommen seid, ruft uns unter Nr..... an.

Danke, Diana und John Rittenhouse."

 

Es empfing uns zudem ein atemberaubender Blick über die SF-Bay und den Segelclub. Wir hatten wohl bei recht wohlhabenden Clubmitgliedern "angelegt".

 

International war die Zusammensetzung der 23 Teilnehmer:

Drei dänische, eine finnische, drei deutsche, zwei niederländische, zwei englische, zwei schwedische und zehn US-amerikanische Mannschaften nahmen teil.

 

Chistoph Nielsen (SV 03) war als amtierender Deutscher Meister von 2004 für diese Regatta quasi "gesetzt".

 

Die beiden anderen deutschen Boote

G 896 -  Joachim Bleifuß, Friedrich Mahrt, E.W. Dinser und

G 852 - W. Erdbrink, Svend Krumnacker, Michael Hundrup

wurden in Deutschland aus den Interessenten ausgelost.

>>> Teilnehmerliste

 

Ausgelost wurden in SF auch die Folkeboote, die amerikanische Eigner zur Verfügung gestellt hatten. Die SF-Bay ist meines Wissens der einzige Ort außerhalb Europas mit einer Flotte von ca. 50 Folkebooten. Also ging es nach der Bootsvergabe ans Montieren. Fast einen Tag haben Gunter und Christoph geschraubt gebohrt und gerichtet, bis das Boot ihren Ansprüchen genügte und dem Segelsatz 617 passte. Der Eigner, Richard Keldsen, ließ uns gewähren. Er bestand nur darauf, dass wir alle Veränderungen nach den Regatten so belassen sollten. Schließlich übernahm er auch Segelsatz 617, der in Zukunft der amerikanischen Doyle-Konkurrenz hoffentlich das Nachsehen geben wird.

 

Insgesamt wurden 7 Regatten an vier Tagen gesegelt, ohne ein Ergebnis streichen zu können.

 

Zunächst gab es am Sonntag, dem 18. September, ein Tune-Up Race, das Joachim Bleifuß mit G 896 souverän für sich entscheiden konnte. Wir haben nach einem Frühstart und zwei UP-and-Down-Runden das Ziel als 14. erreicht. Das aber war nur "Spaß".

 

Der Regattakurs berührte die Seebahn einer Regatta für Großsegler. An deren Spitze segelte die Morning Glory
(Dr. Hajo Plattner), die mit Ihren Segeln die Silhouette von SF und Alcatraz fast verdunkelte.

 

Im Anschluss an die Einführungs-
regatta folgte mit etwa zwei Stunden Abstand die Eröffnungszeremonie, die wir allerdings verschliefen. Dafür saßen wir am Abend gemeinsam mit unseren Gastgebern bei zwei Flaschen Rotwein und einigen Bieren auf deren Terrasse. Am Folgetag holten wir die Zeremonie still für uns nach, nun leider ohne National-
hymne und Champagnerempfang.

 

Revier und Wetter

 

Der einzige Zugang aus der San Francisco Bay in den Pacific geht durch die Golden Gate Bridge. Die Bay mit ihren vielen Ausbuchtungen unterliegt bei wechselnden Gezeiten großen Strömungsveränderungen, die je nach Lage der Regattabahn entscheidend für den Rennverlauf sind. Die Rennen wurden auf drei verschiedenen Regattabahnen ausgetragen.

 

Auf dem OLYMPIC CIRCLE, östlich von Angel Island gelegen, ist die Strömung etwa gleichmäßig über die Fläche verteilt. Hier ist die Windintensität ausschlaggebend.

 

Die beiden anderen Regattakurse, die KNOX RACE AREA (westlich Angel Island) und die CITY FRONT RACES (nahe der Küste zwischen SF und der GGBridge) werden wesentlich durch die jeweilige Tide-Strömung beeinflusst.

 

Die zumeist in östliche Richtung wehenden Winde entstehen durch Thermik, die etwa zur Mittagszeit von Westen einsetzt, nachdem die Sonne das östlich gelegene Festland genügend aufgeheizt hat. Der Wind kommt kalt vom Pacific und erreicht Geschwindigkeiten von 4 bis 6 bf. Bei abnehmendem Wasser baut sich in der Bay eine unangenehme Welle (Wind gegen Strom) auf. Wegen des auch in der Bay sehr kalten Wassers galt für alle Regatten Schwimmwestenpflicht.

Olympic Circle 1 und 2

 

Am Montag wurde es ernst. Die gut 6 sm vom Club entfernte Regattabahn wurde im Schlepp erreicht. Der Wind stellte sich pünktlich ein. Auf dem Startschiff wurde eine 3 gezeigt, deren Bedeutung wir der Zahl der zu absolvierenden Runden zuordneten. Bei etwa 3 bf. lagen wir an der ersten Luvmarke in Front und gaben die Führung auch nicht mehr ab bis wir nach zwei gesegelten Runden die blaue Flagge auf dem Zielschiff entdeckten.

 

Was tun? Eine Bahnverkürzung war zuvor nicht angezeigt. Wir warteten voller Spannung hinter der Leemarke auf das Feld, um zu sehen, ob die anderen Boote noch eine Runde fahren würden oder das Ziel anstrebten. Als wir Letzteres erkannten, gaben wir Vollgas und kreuzten die Ziellinie als erstes Boot.

Ja,ja -  die Segelanweisungen lesen,
wenn man vorne fahren will !!!

 

Um etwa 14.00 Uhr erfolgte der zweite Start. Christoph war angestachelt, wir starteten am Startschiff und machten prompt einen Frühstart. Der Start war schnell wiederholt, und so jagten wir dem Feld hinterher. Inzwischen hatte der Wind stark aufgefrischt (ca. 5 bf) und das Wasser lief gegen die Windrichtung ab. Als wir dann auch noch die Luvmarke berührten und einen 360 Grad Kringel drehen mussten, waren wir froh, noch den 7. Platz im Feld erkämpft zu haben.

 

Zum Abend waren alle Teilnehmer zu einem Barbecue in eine wunderschön auf einem Hügel gelegene Villa eingeladen. Steaks satt, Salate, Bier, Sekt und allerhand Fingerfood.

 

Das war nach dem mageren Essen in der Pizzeria oder im Tagesrestaurant mit der insbesondere von Gunter sehr geschätzten ´Chili con Carne´ schon ein Erlebnis.

 

Nachts um 22:00 Uhr gab es im Hauskino dann noch einen Tide-Talk mit vielen Erklärungen darüber wo, wann und wie der Strom läuft. Einige Regattateilnehmer verfielen dabei in einen deutlich hörbaren Schlaf.

Knox Race Area 3 und 4

 

Am Dienstag ging es auf die Bahn vor dem Clubgelände zwischen Angel Island und Sausalito. Wir waren matt, hatten leichten Muskelkater und immer noch mit dem Zeitunterschied zu kämpfen. Zu unserer Stärkung stellten wir unser Frühstück von "Weißbrot/Marmelade" auf "Bacon und Rührei an Pumpernickel" um. Dazu gab es Wurst und Käse satt.

 

Und das half. Bei 4 bf., kaltem Wind und z.T. 3 kn. Strom fanden wir die richtige Seite, wurden im dritten Rennen erste und im vierten, knapp geschlagen, zweite. Nun hatten wir schon einen komfortablen Vorsprung von 10 Punkten auf die Verfolger und konnten uns am Mittwoch auf den Besuch von San Francisco freuen.

 

Den Abend verbrachten wir in Sausalito, aber dort war nicht einmal mehr ein Hauch der Flower-Power-Bewegung zu spüren. Aus Kostengründen gab es wieder mal Pizza! Gunter sprach immer öfter von seiner anschließend anstehenden Reise nach Frankreich zusammen mit seiner Frau Martine. Warum nur?

 

Hätten wir drei am Mittwoch alle den wunderschönen Morgenhimmel aus unseren Himmelbetten - übrigens gespickt mit einer Vielzahl von Kuschelkissen - gesehen, hätten wir die Fähre von Tiburon nach SF Pier 39 nicht verpasst.

 

Also wieder verschlafen, ins Auto und in die Stadt. Was macht man dort? Die Lombardstreet befahren, Cablecar, Fairmont Hotel, Stadtrundfahrt, Fishermans Wharf, Pier 39 usw. besuchen.

 

Die Seelöwen haben viel Speck angesetzt und halten so die Kälte des Wassers aus. Wir froren am Pier 39 dermaßen, dass wir uns nur im sonnigen Windschatten eines Restaurants aufhalten konnten und dort aus Verzweiflung Fish und Chips in uns reinwürgten. Gunter sprach schon wieder über "Frankreich"!

 

Auf unserer Rückfahrt machten wir an dem nördlich der Golden Gate Bridge gelegenen Aussichtspunkt halt und studierten den Strom bei ablaufendem Wasser. Die Schaumkämme der gurgelnden Strömung waren deutlich zu erkennen. Wir waren für den Donnerstag gewarnt.

 

Ciy Front Race 5 und 6

 

Mit einem punktgenauen Start konnten wir uns an die Spitze des Feldes im fünften Rennen setzen, die wir bis ins Ziel nicht mehr abgaben.  Wir hatten uns dicht unter Land aus dem starken Gegenstrom heraushalten können und Christoph nutzte mit gut gesetzten Kreuzschlägen diesen Vorteil aus. Der Vorwindkurs wurde natürlich im größten Strom abgesegelt.

1. Platz !

Was sollte uns noch passieren? Wir konnten uns nur noch selbst schlagen, was wir dann wohl leider auch taten. Die Kondition war etwas angeknackst, der Start zur 6. Wettfahrt zu defensiv, und so fuhren wir in der Mitte des Feldes mit allen Problemen des Wegerechts im küstennahen Bereich.

Es kam, wie es nicht kommen musste: Mit Steuerbord-
Schoten glaubten wir, noch vorn an einem Gegner vorbeizukommen, der aber zog gegen den Wind an und wir waren zu einer sehr schnellen Wende unter ihm gezwungen. Ohne Berührung gehabt zu haben, fiel er wieder auf unser Heck runter, wendete weg und meldete Protest.

 

Es war sicher eindeutig unser Fehler, auf diesen Protest statt mit einem 360 Grad-Kringel mit einem Gegenprotest zu reagieren. Wir verloren den Protest sicherlich auch, weil die Aussage des hiesigen Berichterstatters vor der Jury nicht eindeutig genug ausfiel.

 

Dieses 6. Rennen beendeten wir zwar noch als achte, bekamen aber durch den verlorenen Protest 24 Punkte auferlegt, die uns auf Platz 4 zurückwarfen und einen Gesamtsieg der Regattaserie, für die es keinen "Streicher" gab, unerreichbar machte.

 

Dass die protestierende Crew durch unser Manöver keinen Nachteil hatte, ihr der Protest keinerlei Vorteil einbrachte und sie auch mit guten Worten nicht zum Protestverzicht zu bewegen war, hinterließ bei uns den faden Beigeschmack einer bösen Absicht. Es half nichts und es blieb in unseren Köpfen.

 

Am Freitag folgte das abschließende 7. Rennen auf dem

 

Olympic Circle 7

 

Im Schlepp ging es wieder zu der entfernten Bahn. Der Wind frischte ordentlich auf, erreichte etwa 5 bf. und war so eine echte Herausforderung für unsere schon sehr müden Knochen.

 

Nach einem ordentlichen Start waren wir jedoch von einem Verfolger aus den Niederlanden so abgeschirmt, dass er uns auf die ´falsche´ Seite der Regattabahn mitnahm und wir in der ersten Runde fast hinten segelten. Dies wiederholte sich in der zweiten Runde. An der Luvmarke waren wir fünftletztes Boot. In Abstimmung miteinander gaben wir das Rennen auf, um Boot und uns zu schonen. Es stand für Schäden am Boot immerhin eine Selbstbeteiligung von 250 Dollar auf dem Spiel.

 

Sicherlich, enttäuscht waren wir schon, irgendwie aber auch zufrieden, während einer wunderschönen Regattawoche uns und die Vereinsfarben ganz gut vertreten zu haben.

>>> Ergebnisliste

 

Den Siegern, hier Susan Parker von USA 113, wurde ordentlich mit Schampus gratuliert, unserem Bootseigner Richard Keldsen nochmals gedankt und auch die ersten beiden, Skipper Peter Jeal (USA 113) sowie Svend Svendsen (USA 120) wussten, dass wir gute Leistungen gezeigt hatten.

 

Zur Siegerehrung für die Einzel-
rennen hatten sie mit Christoph ein echtes Schwergewicht zu stemmen.

 

Zur Rede des Berichterstatters in Vertretung der deutschen Delegation wurden unser 100-Jahrbuch und unser Stander an die Ausrichter übergeben. Den beiden Erstplazierten überreichten wir je eine Armbanduhr unserer SV 03.

 

Mit viel Beifall und guten Sprüchen halfen uns alle bei dem anschließenden Beisammensein über unsere leichte Enttäuschung zum 5. Platz hinweg. Christoph konnte sich über die direkte Einladung zur 2007 stattfindenden nächsten internationalen Regatta der Folkeboote in der San Francisco Bay freuen. Wir haben Freunde gewonnen und für den Berliner Segelsport geworben.

 

Was machten wir noch:

 

Am Sonnabend unternahmen wir einen Ausflug in die Muir Woods mit bis zu 100 m hohen, 1000 Jahre alten Bäumen nordwestlich von SF, dann die Küste entlang an die Stindson Beach, wo bei strahlendem Sonnenschein alle drei Reisenden erst einmal Auslauf, viel Schlaf und Erholung suchten.

 

 

 

Schließlich ging es nochmals rund 100 Meilen nordwärts, vorbei an einem Fischrestaurant mit annehmbarem Essen, zur Bodega Bay, wo einst die Außenaufnahmen zu Hitchcocks "Die Vögel" gedreht wurden.

 

Am Sonntag nahmen wir Abschied von unseren großzügigen Gastgebern und machten uns auf den Weg zum Yosemite- National -Park.

 

Eigentlich hofften wir dort auf ein Quartier, um einen Tag in der Umgebung wandern zu können.

 

 

Außer einem spärlichen Zeltlager gab es aber in einem Umkreis von 100 km keine geeignete Unterkunft, so dass wir es bei der etwa 80 km langen Fahrt durch den Park beließen und uns Richtung Santa Barbara an die Küste aufmachten.

 

Vorbei an endlos dürren Hügellandschaften, kalten Stränden - z.B. an der Pismo-Beach - und einem halbwegs gemütlichen Lokal an der Goleta-Beach, erreichten wir Santa Barbara.

 

 

 

 

 

 

Dort verbrachten wir drei erholsame Tage am Swimmingpool, im Whirlpool und bei Strandwanderungen oder Radtouren.

 

Thai- und Fishfood konnten Gunters Frankreich-
Erwartungen wiederum nicht verdrängen.

 

 

Wir -
Christoph Nielsen
,
Gunter May und
Wolfgang Klemm
 - hatten eine wunderschöne Zeit.

 

 

Berichterstatter W.K.

 

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Folkebootflotte Berlin

Rainer Birkenstock

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